Bist du immun gegen Veränderung?

Episode 040

Wir stellen ein (Selbst-) Coachingtool vor, das dabei hilft, gewünschte Veränderung auch wirklich umzusetzen.


Shownotes

Immunity to Change – worum geht es?

Grundlage ist das Buch Immunity to Change von Robert Kegan und Lisa Lahey. Es beschreibt, wie individueller Wandel, individuelles Lernen wirksam in Gang gesetzt werden kann. Davon ausgehend, dass Verhalten über den Weg der Bewusstwerdung und des Verstehens verändert wird, setzt dieser Ansatz bei der Modifikation von Gedankenmustern an.

Im Mittelpunkt steht eine ‚Landkarte‘. Es ist ein Prozess und ein Werkzeug, mit dem jeder in sechs definierten Schritten sich seine Ziele setzen und sie auch wirklich erreichen kann. Der Weg geht über die Hindernisse, über Verhalten, das nicht dazu führt, dass die Ziele erreicht werden. Und er geht über die dahinterliegenden Gefühle und Denkmuster, die bisher hilfreich und sinnvoll waren. Diese können damit verstanden, überprüft und – bezogen auf das Ziel – angepasst werden.

Die Harvard-Professoren haben das Konzept entwickelt und auch mit tausenden Menschen mit diesem Ansatz gearbeitet.

Ein Artikel in Deutsch ist in der Zeitschrift für Organisationsentwicklung erschienen: 1/2014 ‚Immun gegen Change?‘.

Download

Meine Landkarte und Prozess der Veränderung und Zielerreichung (PDF)

Beispiel einer „Landkarte“

Immunity to Change - Beispiel Landkarte

Links

Artikel „Wie wir unserem Selbst im Weg“ von Robert Kegan in der Zeitschrift für Organisationsentwicklung (1/2014)

An Evening with Robert Kegan and Immunity to Change (Youtube)


Unser Gespräch

Christin: Hallo …

Jürg: Herzlich willkommen. Hallo.

Christin: … und guten Morgen, zumindest bei uns ist Morgen.

Jürg: Ja, je nach dem, wann du es hörst: guten Abend, gute Nacht.

Immunity to Change

Christin: Genau, liebe Hörer. Ja, wir haben heute eine Episode, ich nenne sie mal mit dem Untertitel: „Immunity to Change“. So heisst das Buch, so hiess auch das MOOC (Massive Open Online Course), der Onlinekurs, den ich gemacht habe.

Jürg: Mhm.

Christin: Von Robert Kegan.

Jürg: Und das schliesst ja auch an. Wir haben uns letztes Mal über das Egogramm unterhalten. Vor allem auch darüber, wie du das Egogramm zur persönlichen Veränderung und Entwicklung nutzen kannst. Und mit diesem Tool, das wir heute vorstellen, gibt es dazu eine zusätzliche Möglichkeit.

Christin: Genau. Und zwar eine sehr strukturierte, wie ich finde. Und eine sehr interessante, wie ich finde. Denn sie bietet, wie gesagt, einmal eine Struktur und sie bietet wirklich auch – ähnlich der TA – eine Tiefe, hinter deine Muster zu gucken, lieber Hörer, liebe Hörerin. Hinter deine Glaubenssätze zu gucken. Und man kann es sowohl verwenden, als Selbstcoaching-Tool oder auch, wenn du Coach oder Berater bist, im Coaching mit deinen Klienten, Coachees. Dafür ist es auch sehr gut und da bin ich gespannt, was wir für Rückmeldungen kriegen.

Jürg: Ja und du hast jetzt schon mal die Spannung erzeugt. Die Neugier, mehr darüber zu erfahren. Vielleicht bevor wir einsteigen noch ganz kurz: es ist unsere 40. Episode. Ein Grund zu feiern!

Christin: Ja (lacht)

Jürg: Oder lassen wir dann die richtige Party bei der 50. steigen?

Christin: (lacht) genau.

Jürg: Da lassen wir uns was einfallen.

Christin: Eine kleine Party. Und bei der 100. Dann, geht‘s richtig los. (lacht)

Jürg: Okay, bleiben wir mal bei der 40. Episode. Ja, Christin, stell doch mal kurz das Modell vor!

Christin: Ja, also: die beiden, also Lisa Lahey und Robert Kegan sind Professoren, Harvard-Professoren. Und es geht um dieses Thema: Warum ist Veränderung so schwer? Warum schaffen wir Menschen es nicht, obwohl wir viele Neujahrsvorsätze oder auch wirklich grundsätzliche Vorsätze haben? Warum schaffen wir es so schwer Veränderungen voran zu treiben, die wir auch wollen? Ja?

Jürg: Mhm, ja.

Christin: Und dabei sind sie immer wieder darüber gestolpert – wir würden es in der TA Glaubenssätze nennen, die uns davon abhalten etwas zu tun. Wir könnten auch das innere Team sagen. Wenn wir dies nicht berücksichtigen, dann kommen wir eben nicht weiter.

Jürg: Mhm.

Christin: Und sie haben das in eine Landkarte – so nennen sie es – gebracht. In eine Landkarte, die du dann auch auf unserer Webseite sehen und herunterladen kannst. Mit der du arbeiten kannst, lieber Hörer, liebe Hörerin. Und die dazu dient, sich da etwas entlang zu hangeln.

Säule 1

Christin: Der erste Punkt ist – und da nehmen sich auch schon allein viel Zeit für: Was ist denn mein Ziel? Also was möchte ich tatsächlich erreichen?

Jürg: Mhm.

Christin: Ja, beispielsweise abzunehmen oder regelmässig Sport zu treiben oder eben ein bestimmtes Verhalten zu verändern.

Jürg: Das heisst in TA-Sprache wäre das Vertragsarbeit. Vertrag mit dir selbst.

Christin: Genau.

Jürg: Und haben sie da spezielle Tipps noch, wie das geht?

Chrstin: Ja, sie nehmen sich da wahnsinnig viel Zeit dafür und hinterfragen auch da schon. Ist es wirklich das was DU willst? Oder hast du das über Jahre hinweg von anderen gehört und du willst es gar nicht? Denn da fängt natürlich das Spannungsverhältnis schon an. Wenn ich etwas gar nicht will und es nur für andere tue, dann ist ja die Wahrscheinlichkeit, dass ich sie erreiche auch sehr gering.

Jürg: Mhm.

Christin: Insofern, sagen sie: hinterfrag dich da an diesem Punkt schon selbst.

Jürg: Und das finde ich aber auch anspruchsvoll, das wirklich herauszukristallisieren. Will ich es denn nun selbst? Oder sind die Erwartungen der andern vielleicht auch so tief, dass ich meine ich will es selbst? Und letztlich ist es doch nur eine Form der Anpassung?

Christin: Genau.

Jürg: Wie gehen sie da vor, um das zu prüfen? Haben sie ganz konkrete Hinweise?

Christin: Ja, sie sagen: „Nimm dir auch Zeit für Interviews. Also für Interviews, wenn du dein Ziel  definiert hast, beispielsweise hast du das Ziel ein besserer Zuhörer zu werden, zum Beispiel als Führungskraft. Du befragst dann die Mitarbeiter oder ein paar Mitarbeiter.

Jürg: Oh, ja.

Christin: Und sagst: „Was würde sich denn da erleichtern?“ Oder: „Was wäre denn da besser, wenn ich ein guter Zuhörer wäre?“ Oder du befragst den eigenen Chef. Oder fragst zu Hause. Also auch unterschiedliche Interviews führen, sich unterschiedliche Interviewpartner auszusuchen. So dass du die Rückmeldung kriegst: ist es wirklich das, was du möchtest oder das auch zu dir passt.

Jürg: Mhm.

Christin: Oder ist es gar nicht von Belang, von Interesse? Auch für die anderen. Was du natürlich da interessanterweise machst: du schaffst schon eine Audience, also ein Publikum, ja?

Jürg: Mhm.

Christin: Also das ist ja auch nochmal ein wichtiger Punkt im Veränderungsprozess. Wenn ich Veränderung vor mir aus vorantreibe, für mich alleine, ist es auch immer schwieriger, als wenn ich andere mit einbeziehe, ja?

Jürg: Ja, und es braucht erstens mal Mut, wahrscheinlich, dass ich da diese Interviews führe.

Christin: Ja.

Jürg: Du hast gesagt, eine Führungskraft, die dann auch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befragt. Das braucht so mal ein Heraustreten.

Christin: Mhm.

Jürg: Und was ich mir gerade überlege ist, wenn ich diese Interviews führe, ist dann da nicht auch wieder diese Gefahr, dass ich von anderen etwas höre, das mich dazu führt, dass ich mich deren Ziel anpasse. Du hast das Beispiel erwähnt, dass die Führungskraft dann fragt: „Wenn ich ein besserer Zuhörer bin, was ändert das, oder wie sollte es sein?“ Da kommen dann Forderungen und ich bin wieder in der Gefahr, mich dem anzupassen, was die anderen erwarten.

Christin: Deswegen wählst du ein sehr, sehr breites Publikum. Also du machst nicht nur ein, zwei Interviews, sondern du wählst wirklich sehr, sehr breit und eben auch nicht nur in eine Richtung, nicht nur – in dem Fall jetzt zum Beispiel – die Mitarbeiter, sondern vielleicht auch Kollegen, deinen Chef. Also dass du einfach unterschiedliche Perspektiven auch mit rein nimmst.

Jürg: Ja, auch aus verschiedenen Lebensbereichen Leute befragen.

Christin: Genau.

Jürg: Das ist dann bunt. Ich stelle mir gerade so ein bunter Strauss vor, …

Christin: Ja, genau.

Jürg: … der entsteht aus den Rückmeldungen. Wo ich dann auch entscheiden kann, was ist für mich relevant? Welche dieser Blumen stelle ich dann wirklich in die Vase und welche kipp ich wieder raus.

Christin: Genau. Und wie gesagt, nach diesen Interviews auch wirklich nochmal diese zentrale Frage zu stellen: Was genau möchte ich verändern? Und weswegen will ich das machen? Also was ist da meine eigene Motivation und Perspektive dahinter. Wie soll es mir nachher gehen? Was soll ich danach besser können, machen? Dass „mir geht‘s dann besser“ stärker in den Vordergrund tritt als „dann geht‘s den Mitarbeitern besser“ aber mir nicht.

Jürg: Ja.

Christin: Darum geht es erst mal auch. Du selbst bist ein wichtiger Teil bei dieser Suche nach dem Ziel und nach deinen Motiven.

Jürg: Ist da die Messbarkeit auch ein Thema?

Christin: Genau.

Jürg: Also wie messe ich beispielsweise, dass ich ein besserer Zuhörer bin? Gibt‘s da Kriterien?

Christin: Die Frage ist: woran würdest du das merken? Die Kriterien setzt du dir selber auf.

Jürg: Mhm.

Säule 2

Christin: Und dann finde ich die nächste Säule dieser Landkarte witzig und spannend. Was ist meine aktuelle Verhaltensweise? Also was tue ich, sozusagen, stattdessen? Was tue ich derzeit, dass ich nicht mein Ziel erreiche? Und da sagen sie auch, nimm dir dafür mindestens ein paar Tage, wenn nicht eine Woche Zeit, dein Verhalten selber zu beobachten. Und wir wissen inzwischen ja auch, dass allein durch Beobachtung deines Verhaltens schon eine Veränderung stattfindet.

Jürg: Mhm.

Christin: Also beobachte dich mal eine gewisse Zeit bei deiner aktuellen Verhaltensweise. Ich bleibe mal beim Beispiel „ich möchte ein besserer Zuhörer werden“. Du überlegst dann: was mach ich denn? Warum führ ich schon Argumente an? Warum bin ich schon in Gedanken viel, viel weiter? Und was denke ich über andere? Also in was manövriere ich mich immer wieder rein? Mit dem Beobachten kriegst du wahnsinnig viele interessante Informationen darüber, wie du dich verhältst, wie so deine Energie ist, wie dein Wille ist, wo du einfach so entlang gehst.

Jürg: Das heisst – wenn ich es in TA Sprache übersetze – Erwachsen-Ich aktivieren und sich selbst reflektieren.

Christin: Genau. Und wie gesagt auf Muster achten. Gegebenenfalls auch die Transaktionsanalyse hier hinzuziehen. Das schon in Modelle packen und zu sagen: Aha, ich gehe da immer wieder in die Retterrolle oder Verfolgerrolle. Oder: Ich gehe da immer wieder mit einer +/- Haltung ran. Oder …

Jürg: Ja.

Christin: Also da kannst du schon sehr, sehr viel sammeln.

Jürg: Ja, da haben wir auch viele wertvolle Modelle und Konzepte um eben genau solche Themen auch zu analysieren.

Christin: Genau.

Jürg: Ist hier auch die Frage von Interviews beziehungsweise andere Leute mit einzubeziehen ein Thema?

Christin: Eher nicht. Hier geht es wirklich darum, ehrlich zu sich selber zu sein und gar nicht so sehr nach dem Warum fragen. Sondern konkret beschreiben, was ich tagtäglich tue. Es geht auch darum, hier nicht zu beschämen, sondern eher zu ent-täuschen. Also Täuschungen aufzudecken.

Jürg: Im Beispiel «besserer Zuhörer» könnte das dann sein, dass ich in Gesprächen merke, dass ich beispielsweise immer wieder Ratschläge erteile anstatt zuzuhören. Das wäre so eine Möglichkeit?

Christin: Genau. Oder auch ich blicke auf die Uhr. Und ich merke dann erstmal selber, wie häufig ich auf die Uhr blicke, zum Beispiel. Oder wie ich anfange mit den Fingern zu trommeln. Oder wie ich mir, während der andere spricht, schon das Argument überlege und gar nicht zuhöre.

Jürg: Ja.

Christin: Und diese Kleinigkeiten, wirklich im Bit sozusagen, sich anzuhören und anzugucken, die sind teilweise dann sehr interessant aber auch erschreckend, dass man sagt: Oha was mach ich denn da alles um eben nicht zuzuhören, ja?

Jürg: Ja. Es braucht zum zweiten Mal Mut, hm?

Christin: Definitiv viel Mut, in der Auseinandersetzung mit sich.

Jürg: Mut und Zeit auch. Also das machst du ja nicht einfach mal so fünf Minuten vor dem Schlafengehen, sondern da lohnt es sich auch Zeit zu investieren, für diese Reflektionen.

Christin: Ja, genau. Deswegen geht es nicht nur darum, das in einer Stunde runter zu schreiben, sondern auch über Tage zu bewegen und dir als quasi Beobachtungsaufgabe auch aufzuerlegen.

Jürg: Wahrscheinlich ist es auch gut, wenn man sich eine Frist setzt?

Christin: Ja.

Jürg: Also, dass ich sage: ich nehme mir jetzt zwei Wochen. Die Gefahr könnte dann ja auch sein, so als Strategie eben der Veränderung auszuweichen, dass ich beobachte und beobachte und ich beobachte immer noch. Und komme deswegen nicht weiter.

Christin: Ja, genau.

Jürg: Also ich setze mir einen Termin, also ich sage ich nehme mir die Woche, zwei Wochen, was auch immer, um da durch zu gehen.

Christin: Genau. Also das reicht wirklich in diesem Zeitraum von einer Woche, zwei Wochen und du brauchst dieses Material nachher auch nochmal um dann Veränderungen in den Verhaltensweisen zu definieren, ja? Also deswegen sammelt man hier auch ganz, ganz viele, detaillierte Informationen.

Jürg: Die schreibst du auf?

Christin: Genau, die schreibst du auf, die hältst du fest.

Säule 3

Christin: Im nächsten Schritt gucken wir nochmal weg von den aktuellen Verhaltensweisen. Wir schauen nochmal auf die Säule 1, also nochmal auf das Ziel. Leute, die mit systemischer Beratung zu tun haben, kennen sicherlich die Frage: Wenn ich mein Ziel erreicht hätte und ich damit leben kann, was ist da trotzdem für eine leise Befürchtung dahinter?

Jürg: Ja.

Christin: Also wenn ich dann ein guter Zuhörer bin, was ist denn dann? Und das ist körperlich wirklich auch spürbar. Der Körper liefert gute Hinweise. Was zwickt dann da so ein bisschen? Oder was dreht mir da vielleicht im Magen um? Was befürchte ich? Und wir kommen da ganz häufig an Ängste und Fragen, die dahinter liegen. Zum Beispiel bei dem besseren Zuhörer: ich befürchte, dass ich Zeit verliere.

Jürg: Mhm.

Christin: Ja. Also wenn das meine Befürchtung ist, denke ich deswegen während der Andere spricht schon nach, wie wir hier Zeit einsparen können. Wie wir in der Diskussion vorankommen. Dass wir nicht schnell genug sind. Und das sind ja valide Gründe, die sind erstmal positiv und deswegen nennen sie es auch Immunsystem, also das hatte mal einen positiven Hintergrund, ja?

Jürg: Ja.

Christin: Daher gilt hier auch im Sinne eines ++ (ich bin ok – du bist ok) mit mir umzugehen und zu sagen: Aha, was ist denn die verborgene Dynamik dahinter? Und wie wird die deutlich, dass die mich vor einem Risiko auch bewahrt hat, oder bewahrt? Also in meiner Logik ist sie logisch.

Jürg: Mhm.

Christin: Und trotzdem hat es mich im Griff, das ist dann der springende Punkt. Ja?

Jürg: Ja. Das ist Skriptanalyse.

Christin: Genau.

Jürg: Da geht es darum, zu schauen, welche Strategien waren in der Kindheit berechtigt und sind jedoch heute nicht mehr angemessen.

Christin: Genau.

Jürg: Beim Beispiel besserer Zuhörer könnte es auch eine Angst sein, dass ich nicht damit umgehen kann, was mir mein Gegenüber sagt. Also die Überforderung.

Christin: Ja, genau.

Jürg: Und das sind ja dann Ängste im Kind-Ich. Es lohnt dem mal auf den Grund zu gehen.

Christin: Ja. Und hier komme ich mit der Idee des Skripts genau an dieses Problem ran. Es hat mich inzwischen im Griff. Es ist nicht mehr die hilfreiche Strategie, die ich damals angewendet habe. Ich kann nicht mehr frei bestimmen, sondern das Muster läuft jetzt sozusagen automatisch ab.

Jürg: Und in wie weit ist es möglich, das in der Selbstreflexion zu tun? Also da gibt es ja auch Themen, die sind so tief, da braucht es wahrscheinlich mehr.

Christin: Mhm. Also da kann es gut sein, wenn man jemanden hat, der das vielleicht auch macht, diese Landkarte, der einem auch interviewt. Oder man nimmt eben aus dem Buch diese Fragen, die haben natürlich da in diesem Buch, das ist ein dickes Buch, sehr sehr viele Fragen, dass man da Stück für Stück immer wieder hinterkommt und ich glaube es gibt auch diese Methode von «warum, warum, warum». Also immer wieder hinterfragen: Warum machst du das? Warum machst du das? Warum machst du das? Dann komme ich immer weiter an diesen Impuls.

Jürg: Ja.

Christin: Und das könnten auch Sätze sein, die man sozusagen ergänzt in der Einzelarbeit. «Ich befürchte das…» Oder: «Ich mache es, damit…» Oder: «Ich behalte das bei, weil ich Angst habe, dass…»

Jürg: Mhm.

Christin: Manche Menschen reagieren auf das Wort «Angst» etwas ängstlich. Deswegen ist «befürchten» ein ganz gutes Wort. Eine Alternative dazu.

Jürg: Und ich glaube, das Thema Schutz ist da auch noch wichtig. Also gerade wenn ich das auch anwende im professionellen Kontext. Dass ich auch Schutz bieten kann. Also dass wir nicht Themen angehen und dann quasi den Klienten wieder entlassen und das sind irgendwelche Themen aufgebrochen. Oder eben die Ängste sind noch nicht wirklich beseitigt und er kommt nicht alleine damit zurecht. Dass wir dann auch Schutz bieten können.

Christin: Ja, genau. Also ich bleib nochmal so bei den Beispielen. Ich glaube, die sind ganz hilfreich. Gerade bei dem besseren Zuhörer. Der fühlt sich dann vielleicht auch nutzlos. Da kommt so dieses unsichere Gefühl raus. Wenn es sich erstmal so als Gefühl zeigt oder als komisches Empfinden im Körper, dann diesem nachzugehen und sagen: Ja, da ist ein Gefühl von Angst, sich nutzlos zu fühlen. Oder in der Diskussion nicht hilfreich zu sein. Und das versuche ich zu verhindern, indem ich sehr viel reingebe und wenig zuhöre.

Jürg: Mhm.

Christin: Ich finde ein ganz spannendes Beispiel bringt auch der Kegan. Die haben viel im Gesundheitsbereich gearbeitet. Er bringt das Beispiel eines Mannes, den er interviewt (dieses Beispiel gibt es auch auf Youtube). Der Mann ist herzkrank. Er muss seine Medizin nehmen, damit er nicht einen Herzinfarkt kriegt, ja? Und er kriegt es nicht hin, diese Pillen zu nehmen. Sein Ziel in der ersten Säule wäre: ich möchte regelmässig meine Pillen nehmen. In der zweiten Säule beschreibt er, was er alles so macht um die nicht zu nehmen: um sie drum rum laufen, sie zu verstecken… Also da wird auch schon nochmal sehr, sehr deutlich, was da für eine Aversion dahinter steckt, ja?

Jürg: Mhm.

Christin: Und dann fragt er ihn bei der dritten Säule: «Was würde denn passieren, wenn du die täglich nimmst?» Und der Mann antwortet jedes Mal, was er gerade tut. Also der lässt sich auch auf diese Frage nicht ein. Das hast du gerade auch gesagt: wenn du zu der dritten Säule kommst, dann geht es ans Eingemachte. Der Mann sprang immer wieder zur ersten Säule und sagte: «Ich nehme die ja nicht und deshalb gehe ich auch immer drum rum.» Und so: «Und wenn ich so weitermache, dann sterbe ich sicherlich.» Dann hat der Kegan ihn immer wieder unterbrochen und gesagt: «Halt, meine Frage ist jetzt eine andere. Wir sind jetzt bei Säule drei und ich möchte von dir wissen: wenn du die Medikamente nehmen würdest, was wäre dann?»

Jürg: Mhm.

Christin: «Was wäre denn so schlimm dran?» Und dann platzt dieser Mann aus sich raus: «Dann wäre ich doch einer dieser alten Säcke und ich würde mich total alt fühlen.»

Jürg: Ah.

Christin: Und dann bist du zack bei dieser Idee von: aha, die Befürchtung ist, dass man mich als alt ansehen könnte und dass ich nicht mehr nützlich bin.

Säule 4

Christin: Und hier geht Säule drei auch schon in Säule vier über. Die vierte Säule, die dominante Grundannahme, die liegt einfach dahinter. Sie wird einfach nur nochmal explizit in einen Satz gegossen: «Meine Befürchtung ist, ich bin ein alter Sack.»

Jürg: Mhm.

Christin: «Man darf kein alter Sack sein, denn dann ist es ganz furchtbar.» Also bei Säule vier geht es um die Frage: was ist das schlimmste, das passieren kann, wenn ich das Ziel in der Säule eins erreiche? Und das ist dann dieses Immunsystem. Dieses Warnschild oder die Absicht: das darf nie passieren! …dass du ein alter Sack bist. Oder beim besseren Zuhörer: …dass du kein Beeinfluser bist oder dass du ein Loser bis.

Jürg: Mhm.

Christin: Ja, also hier ist wirklich nochmal ein explizites Wort gegeben. Ich hatte das bei einer Führungskraft, in einem Coaching. Da war es auch ganz klar, dass sie sagte: «Es darf mir nicht passieren, dass ich verliere. Also ich muss immer ein Gewinner sein. Warum gibt es denn Gewinner und Verlierer? Na, damit ich ein Gewinner bin.

Jürg: Und da glaube ich, ist es ja auch gut das wirklich in Worte zu fassen, also dass so aus dem dubiosen Gefühl Worte werden.

Christin: Mhm, ja.

Jürg: Und wahrscheinlich eben auch einfache Worte. Also da sagen wir auch, ein 8 jähriger muss das verstehen, damit eben das Kind-Ich auch merkt, worum es geht.

Christin: Genau und da kommst du tatsächlich auch an so Kind-Ich-Botschaften, die dann deutlich werden und die hochkommen. Oder wenn man abgespeichert hat, was ich damals in der Zeit vielleicht gehört habe, wie man NIE dastehen sollte. Sei es von einem Lehrer, sei es von den Eltern, oder, oder, oder… oder eben diese Ableitung, die ich selber getroffen habe.

Jürg: Mhm.

Christin: Und damit bist du jetzt schon wirklich auch an diesen Skriptbegriffen dran, bis tief in den Details drinnen und hast da vielleicht auch schon einiges mehr aufgedeckt, ja?

Jürg: Ja.

Christin: In der Selbstarbeit mit dir oder auch in einem Coaching. Und du kannst hier sehr gut Modelle der Transaktionsanalyse anknüpfen. Jetzt ist hier erstmal diese Landkarte zu Ende. Sie geht jetzt weiter in die Umsetzung. Dass du diese Daten jetzt nochmal hinterfragst, interpretierst, Verbindungen herstellst und auch dann Selbstbeobachtungen durchführst. Also was passiert mir in diesen Mustern? In welcher Situation denke ich: «Oh bloss jetzt nicht verlieren!»? Oder: «Bloss jetzt hier nicht wie ein alter Sack rüberkommen!» Also in welchen Situationen kommen diese Muster wieder raus? Auch hier wieder nur eine Selbstbeobachtungsaufgabe. Sie arbeiten sehr, sehr stark mit der Selbstbeobachtung.

Jürg: Ja. Und da hast du noch nichts verändert? Also du beobachtest dich nochmal, wie es bisher war, einfach neu mit der Erkenntnis, welche dominanten Grundannahmen dahinter sind?

Christin: Ja, genau. Und deckst dann entweder auf, bei welchen Leuten dir das vorrangig passiert. Und bei welchen passiert es mir zum Beispiel nicht.

Jürg: Mhm.

Christin: Oder im Beispiel mit dem, der die Medizin nicht genommen hat, hat er gesagt: «Also ich beobachte mich eigentlich, wie ich mich fühle und ich fühle mich jung und gut. Also es ist völlig unabhängig ob ich diese Pille nehme oder nicht. Aha!» Dann ist es bei dem natürlich ein sehr kleiner Sprung, zu sagen: «Na, jetzt habe ich allen Grund, die Pillen zu nehmen. Ist ja kein Problem, ich fühle mich gut und jung.» Während bei dem anderen, zum Beispiel bei dem Zuhörer, der merkt: «Oh, also ich merke, wie ich dieses Muster weiterhin benutze. Mir fällt aber auch schon auf, dass ich natürlich nicht in jeder Situation die Weisheit gepachtet habe. Oder mir fällt es vielleicht mit dem und dem leichter zuzuhören. Zum Beispiel zu Hause oder mit besonderen Personen.» So dass hier schon in der Beobachtung eine Unterscheidung stattfindet.

Jürg: Mhm.

Üben

Christin: Ja. Und ich mir dann auch bewusst diese Situation raussuche. Und dann kommt im nächsten Schritt das Üben. Und das Üben in Situationen, in denen es mir leichter fällt. Eben nicht in Situationen, die wahnsinnig schwierig sind, sondern ich übe dann bewusst nicht auf die Uhr zu gucken, mit Person XY. Auch ganz, ganz konkret. Ja?

Jürg: Und das nimmst du dir konkret vor? Also du sagst jetzt, ich nehme mir jetzt nur mal den Fokus auf die Uhr gucken und achte darauf und übe das. Eben nicht nur «es nicht zu tun», sondern dann in dieser Zeit auch zuzuhören.

Christin: Ja. genau. Als wirklich konkrete, kleine Übungen und dazu brauchst du wieder die Säule 2, um zu sagen, was tu ich denn. Und wie gesagt dann im Sinne der Beobachtung von Säule 4 weitergehend. Dass du sagst: «Aha, wie kombiniere ich denn das?» Ja? Und übe, übe, übe, um diesen neuen Mustern… Das wissen wir ja inzwischen von der Neurologie, dass wir Muster neu üben können, ähnlich wie Radfahren. Dass ich das aber kontinuierlich tun muss, über eine gewisse Zeit, so dass sie wieder dann zu selbstständigen Mustern werden.

Jürg: Ja, das ist interessant. Das ist ja wirklich wie beim Arzt, so zu diagnostizieren: woran liegt es denn? Und dort anzusetzen. Und mir gefällt auch, dass hier ja letztlich wirklich Skriptarbeit gemacht wird. Aber nicht einfach nur der Skriptarbeit willen, sondern dass es einen konkreten Aufhänger gibt. Nämlich: ich möchte diesen Punkt, diesen einen Punkt ändern und gehe dann gezielt aufgrund dieses Punktes schauen, was mich daran hindert. Ich schaue nicht was da sonst noch alles an Einschärfungen oder was auch immer rum ist, sondern einfach nur auf diesen Punkt bezogen.

Christin: Ja.

Jürg: Und wenn ich das verändert habe, dann kommt vielleicht das nächste Thema, wo ich wieder gezielt hinschauen kann.

Christin: Ja. Und ich finde an diesem Modell sehr schön. Einmal weil es sehr neu ist. Es ist passend zum Thema Vertrag. Ich nehme für das Ziel sehr viel Zeit und dadurch entsteht auch schon ein neues Bild und auch schon ein Commitment oder eine andere Idee von Veränderung.

Jürg: Mhm.

Christin: Und neu ist bei diesem Konzept auch – man sieht es ja sehr schön über die Landkarte – ich habe Fühlen, Denken und Verhalten in einem Konzept.

Jürg: Ja.

Christin: Ich habe das Denken über die Landkarte. Ich habe das Fühlen mit drin, bei meinen Grundannahmen. Und ich habe das Verhalten, das ich immer wieder beobachte und wo es immer wieder sowohl Beobachtungs- als auch Veränderungsaufgaben gibt.

Jürg: Mhm.

Christin: Und was halt neu ist, so dieses… was wir mit Skript abdecken. Ich sehe in diesem Konzept meine bisherigen Annahmen und damit meinen Nutzen.

Jürg: Mhm. ja.

Christin: Und kann so einerseits wertschätzend damit umgehen und gleichzeitig auch sagen, es kostet mich was. Was sind denn so die Kosten dieses Selbstschutzes, dass mich das eben nicht weiterbringt? Und damit mache ich dieses Unsichtbare einfach auch sichtbar.

Jürg: Ja, das klingt wirklich sehr spannend. Und liebe Hörerin, lieber Hörer, wenn du uns hörst über unsere Webseite, dann hast du sicher schon gesehen, dass wir dir das auch zum Download zur Verfügung stellen und auch grafisch darstellen. Wenn du den Podcast mit einer App hörst, dann geh mal auf transaktionsanalyse.audio/040 für Episode 40. Und da findest du alles was wir jetzt besprochen haben auch nochmal in schriftlicher Form

Christin: Genau.

Jürg: Und das Video mit den Herzpillen verlinken wir auch.

Christin: Ja, prima. Ja und insofern wünschen wir euch viel Spass damit und sind sehr gespannt, was ihr in den Kommentaren berichtet, wie ihr das seht. So dass wir in den Austausch darüber gehen können, was euch an der Landkarte gefällt, was euch an dem Vorgehen gefällt und wie ihr das seht.

Jürg: Ja, und nutzt das mal und schreibt die Erfahrungen. Vielleicht auch nutzt es für euch oder eben auch im beruflichen Kontext mit Klienten oder wo auch immer du tätig bist.

Christin: Genau.

Ausblick

Jürg: Toll. Machen wir noch einen kleinen Ausblick auf die nächste Episode, die in zwei Wochen erscheint? Da haben wir eine Premiere. Wir haben einen Interviewgast bei uns. Wollen wir schon verraten, wer es ist?

Christin: Ja. Wir sagen auf jeden Fall, dass es ein Kollege ist.

Jürg: Ein Kollege der sich auch stark mit dem Dramadreieck auseinander gesetzt hat. Und das ist dann auch das Schwerpunktthema, dieses Gesprächs, das wir dann auch zu dritt führen.

Christin: Genau. Und da freuen wir uns schon sehr drauf, da gibt es auch wieder ganz praktisch pragmatische Dinge für euch zum Mitnehmen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Und wir sind gespannt auch hier, wie ihr das findet, ein Interview. Wir werden da auch noch ein paar Interviews führen. Wir denken, das ist nochmal eine gute Abwechslung und eine andere Möglichkeit, unsere Podcasts hier zu bereichern.

Jürg: Genau. Bis es aber soweit ist, habt ihr noch Zeit – zwei Wochen – dieses Veränderungstool zu testen, auszuprobieren und Rückmeldungen zu schreiben.

Christin: Genau. Also viel Spass und bis zum nächsten Mal.

Jürg: Bis dann!

Beide: Tschüüüsss!

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