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Vom ‚Sei nicht…!‘ zum ‚Du darfst…‘

Episode 044

Im zweiten Teil unserer Miniserie zum Thema Skript unterhalten wir uns über Einschärfungen und Erlaubnisse.


Shownotes

Einschärfungen und Erlaubnisse

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Unser Gespräch

Christin: Ja, hallo

Jürg: Hallo. Wir sind wieder mal online, mit einer neuen Episode.

Christin: Genau, wir freuen uns, dass ihr wieder zugeschaltet habt.

Bericht vom Introvisions-Coaching-Seminar

Jürg: Wir haben ja letztes Mal mit einer Miniserie zum Thema Skript begonnen. Da haben wir uns über den Skriptzirkel unterhalten. Da fahren wir jetzt. Doch vielleicht vorweg noch, Christin, du warst vor kurzem in einem Seminar zum Thema „Introvision“.

Christin: Genau

Jürg: Erzähl doch mal, wie war das.

Christin: Ja, das war super spannend. Ich war bei der Introvisions-Coaching-Weiterbildung vom Ulrich Dehner. Und das hat ganz viel mit dysfunktionalem Stressverhalten zu tun, das wir damit auflösen können. Er hat ganz spannende Untersuchungen da, basierend auch auf Studien von einer Frau Wagner an der Uni Hamburg. Und was mich eigentlich jetzt so zu diesem Thema beschäftigt, ist, es ist genau das Thema Skript, an dem da gearbeitet wird.

Jürg: Ja.

Christin: Das wird nochmal ganz anders verquickt, nämlich mit der Idee der Amygdala, die da als Alarm funktioniert und eben viel mehr auch nicht nur das Kognitive, sondern auch das Körperliche und das Empfinden mit reingenommen. Also das ist ganz spannend. Und da auch eine hohe Wirksamkeit. Also diese Koppelung dieser Idee der Einschärfungen oder möglichen Botschaften, die dann innerlich diesen Alarm auslösen, also gekoppelt an ein körperliches System.

Jürg: Und er baut da auf Transaktionsanalyse auf?

Christin: Ja, genau. Es baut wirklich auf der Idee des Skriptes auf, auf den Einschärfungen und er sagt sowas Schönes: diese Suche nach den Imperativen, also „das darf nicht sein“ oder „das darf keinesfalls passieren“, die endet häufig in oder basierend dann drunterliegend auf diesen vier Dingen:

  • Verlust des Lebens
  • Verlust der Liebe und Anerkennung
  • Verlust des eigenen Wertes
  • Verlust der Handlungsfähigkeit

Also vier Grundängste und Grundbefürchtungen, die wir so auch entsprechend in den Einschärfungen finden, mit denen wir uns heute beschäftigen.

Jürg: Das passt ja wunderbar zu unserem heutigen Thema. Und wir versuchen auch mal den Ulrich Dehner einzuladen zu einem Interview im Podcast. Es ist sicher spannend, uns dann auch mit ihm darüber zu unterhalten.

Christin: Und es ist vielleicht gleich mal ein gutes Beispiel, das Thema Einschärfungen ein bisschen deutlich zu machen. Wo gibt es Situationen, die ich nicht aushalte, die mich nerven oder bei denen ich so sage, das darf nicht sein? Und eine Aussage von ihm war: das ist erstmal nur eine Ereignis. Also wenn jemand sagt: „Du, ich habe keine Zeit.“ Dann ist das erst mal eine Aussage oder ein Ereignis. Oder: „Ich stehe im Stau“. Das ist ersmal nur ein Ereignis. Und interessant ist ja, was wir daraus mache, entsprechend unserem Skript.

Jürg: Ja.

Christin: Und dann kommen solche Botschaften wie: „Man darf nicht zu spät kommen.“ Oder: „Es ist ganz fürchterlich, wenn man zu spät kommt.“ Also da sind wir schon bei den darunterliegenden Themen.

Jürg: Da sind wir mitten im Skript.

Christin: Genau.

Was sind Einschärfungen?

Jürg: Und heute haben wir uns das Thema Einschärfungen vorgenommen. Nächstes Mal geht es dann noch um Antreiber. Aber heute sind die Einschärfungen im Fokus. Was ist denn eine Einschärfung, Christin?

Christin: Also eine Einschärfung oder auch genannt Bannbotschaft, die übernehme ich und ich lasse mich von der jeweils leiten. Das ist, wenn man's zeichnet, dann ist es vom Kind-Ich des Erwachsenen übernommen ins Kind-Ich des Kindes. Also eine Einschätzung, eine Entscheidung. Wenn ich als Kind meine Eltern gesehen habe: das mag Mama, das mag Papa, da werden sie wütend. Also ein unbewusster Prozess, dem ich da folge und aus dem ich etwas mache. Ja? Aus dem ich eben entsprechend eine Entscheidung, eine Botschaft ableite. Das ist nonverbal und liegt unterhalb sozusagen der Wahrnehmungsgrenze.

Jürg: Obwohl es dann, da kommen wir dann auch noch darauf, in Worte gefasst wird. Das verleitet ja manchmal zur Annahme, dass das wirklich so vermittelt worden ist von den Eltern.

Christin: Nee, genau.

Jürg: Und du sagst jetzt, das ist vom Kind-Ich der Eltern zum Kind-Ich des Kindes … Das heisst, von den Eltern wird das wahrscheinlich oft unbewusst vermittelt, weil das aus ihrem „Kind“, einem Bedürfnis oder einem Defizit her vermittelt…

Christin: Genau. Wenn die Mutter gestresst reagiert, weil die Oma da ist oder so, dann ist es nicht verbal und trotzdem merkt das Kind diese Ansprannung der Mutter oder das verzogene Gesicht. Und erlebt daraus: „Hm? Die Mutter ist anders als sonst. Und was heisst das denn?“ Es gibt auch so ein schönes Beispiel – und das ist bei Berne auch so gewesen – wenn ein Elternteil stirbt, welche Ableitung treffe ich denn dann? Heisst das dann: „Ah, ich muss jetzt an die Stelle des Erwachsenen treten.“ Das hat vielleicht gar keiner gesagt. Und trotzdem erlebe ich: Oh, der Vater stirbt. Das heisst, ich muss jetzt als Junge – als einziger Junge vielleicht in der Familie – seine Stelle, seine Rolle ersetzen. Das ist dann die Ableitung daraus.

Jürg: Genau, und wieder diese individuelle Ableitung, die wir letztes Mal auch schon besprochen haben, im Zusammenhang mit dem Skriptzirkel: dass jedes Kind sich seinen eigenen Reim darauf bildet, auf dem Geschehen. Das heisst, die Einschärfung, die wird primär vom Kind gebildet.

Christin: Und ich finde auch wichtig, das nochmal zu betonen: nicht „ich habe eine Einschärfung“, also als irgendetwas das mir in den Kopf gesetzt wurde. Sondern die hat sich entwickelt. Oder zu sagen: ich habe mich da entschieden. Natürlich jetzt in einer unbewussten Form. Oder auch: von welcher Einschärfung lasse ich mich leiten. Das macht's einfach noch mal mehr im Sinne des Verhaltens und veränderbar auch. Und nicht „ich bin“ – „ich bin meine Einschärfung.“

Jürg: Die Einschärfungen sind dann Skriptüberzeugungen, für die wir ja dann immer wieder auch Bestätigungen suchen. Also uns entsprechend verhalten und dann Bestätigung suchen. Das heisst, sie werden immer mehr verstärkt, solange wir diese aktiv halten und – ich sag mal – nichts dagegen unternehmen.

Christin: Ja, und sie können auch durch – wenn man System mal nennt – das System Familie aufrecht erhalten werden. Die Gouldings haben das beschrieben, sehr stark, in dieser Idee der negativen, frühkindlichen Beschlüsse und ich finde noch mal aufgebrochener ist es auch gut zu sehen: es gibt auch ein System drum, das möglicherweise diese Beschlüsse oder diese Kultur – kann man auch sagen – aufrecht erhält. Also diese Do's und Dont's in einer Familie gehören auch dazu.

Jürg: Ja, und wenn du sagst „System“, da bin ich ja dann auch Teil eines Systems. Oder eben diese Junge, der zum Vaterersatz wird. Das in einer frühen Zeit mal für sich zusammengereimt oder entschieden hat. Das wird ja dann wahrscheinlich auch von der Mutter geschätzt in einer gewissen Art und Weise, dass er da so hilfsbereit ist und auf die Kleinen schaut usw. Und er ist genauso Teil des Systems. Also das hängt dann wieder so mobilearatig zusammen.

Christin: Und wird verstärkt oder entspricht dann so einem Prozess, der sich weiterentwickelt, genau. Und andersherum sagen die Gouldings natürlich – deswegen haben sie dann auch diese Neuentscheidungs-Therapie oder -Schule gegründet – sagen sie: Na ja, wenn ich mich als Kind dafür entschieden habe und es sozusagen angenommen habe, dann kann ich mich später, wenn es dann – und das ist meistens der Fall – nicht mehr hilfreich ist, kann ich mich entsprechend wieder umentscheiden oder neu entscheiden und einlernen und sagen: „Ich darf sein, wer ich bin.“ Wenn ich vorher gedacht hatte: „Ich darf nicht mich selbst sein.“

Jürg: Und das ist oftmals auch ein gewisser Prozess.

Christin: Ja, definitiv.

Jürg: Es klingt so einfach: „Du kannst dich neu entscheiden.“ Rein rational ist es das. Weil aber diese Einschärfung in einer sehr frühen Phase entstanden sind und oftmals auch nicht mehr so bewusst zugänglich, was denn da geschehen ist, sind sie auch tief verankert. Deshalb braucht dieser Prozess des Sich-neu-entscheidens auch Zeit. Und die darf man sich geben.

Christin: Und auf mehrere Arten. Überhaupt erstmal zu entdecken: wo wird es sichtbar, wann ist es für mich hinderlich? Und das haben wir eben beim Thema Introvision auch gemacht. Wann bringe ich mich dadurch in Stress, dass ich denke: „Ich muss …“ Oder: „Es könnte sein, schlimmstenfalls, dass …“ Diese Korrelation da auch so aufzudenken und zu entdecken. Das ist wirklich, dass man eine Schicht nach der anderen auch so entdeckt und aufblättert.

Jürg: Interessant finde ich auch immer die Frage: Was haben denn diese – in diesem Fall Einschärfungen – was kann ich da vielleicht auch Positives rausnehmen. Die haben mich ja geprägt im negativen Sinn, also ich schränke mich damit ein. Und auf der anderen Seite gibt es vielleicht auch Themen, die ich dadurch gelernt habe oder die ich mir angeeignet habe, die ich konstruktiv nutzen kann, wenn ich es eben bewusst mache.

Christin: Genau, so mit der Idee zum Beispiel auch der Depatologisierung zu sagen: wie bin ich denn durch dieses Verhalten, für das ich mich entschieden oder mir angelernt habe, wie habe ich mich dadurch arrangiert? Welche Begabungen habe ich dadurch entwickelt? So diese beiden Seiten der Medaille auch zu sehen. Und dann auch bewusst zu sagen: diesen einen Teil behalte ich, der ist hilfreich in dieser und jener Situation. Und in diesen und jenen Situationen ist es dann wieder nicht hilfreich, wenn ich zusehr mich zum Beispiel in den Hintergrund rücke, anstatt zu sagen, wer ich denn sein möchte oder wie ich denn zu einer Gruppe beitragen möchte.

Jürg: Und schön an dieser Idee, dass es eben selbst entwickelt worden ist, nicht einfach von Eltern oder Bezugspersonen verordnet, so im Sinne von: „Ich habe jetzt halt eine schwierige Kindheit gehabt, deshalb kann ich mir alles erlauben.“

Christin: Oder: „Meine Eltern sind schuld.“

Jürg: Ja, genau. Die Idee ist ja wirklich: ich kann das auch wieder umgestalten.Und das finde ich so schön, dass da auch die Eigenverantwortung in den Vordergrund rückt: ich kann etwas dagegen tun. Allenfalls mit Unterstützung, klar, aber trotzdem: ich bin nicht einfach dem ausgeliefert, was ich früher einmal erlebt habe und muss jetzt mein Leben lang darunter leiden.

Christin: Und die Gouldings haben Folgendes gemacht. Das ist vielleicht auch ganz hilfreich als sozusagen Übung, um diese Schichten vielleicht schneller aufzublättern oder aufzublättern überhaupt. Die haben eine Zusammenstellung gemacht, wo sie gesagt haben: nach unseren Studien finde sich zwölf Themen, die sich immer wieder in der Therapie gezeigt haben. Und wie gesagt, der Ulrich Dehner hat da mal vier zugrunde gelegt, die sich darin auch selber finden. Und man kann da mal so drüber gehen und für sich so gucken: mit was schwinge ich denn mit? Wo ist denn das, wo ich den meisten Kontakt dazu kriege oder wo ich so erlebe: uh, das ist eine Botschaft, die ich verinnerlicht habe. Und wie wirkt sich die aus.

Zwölf Einschärfungen

Christin: Also das geht von

  • „Sei nicht!“ oder „Existiere nicht!“
  • „Sei nicht du selbst!“
  • „Sei kein Kind!“, also das kann man sich auch ganz gut vorstellen: in einer Familie, in der Kinder ruhig sein sollen, nicht lebendig, lebhaft sein dürfen, eher ruhig und kein Quatsch machen oder keine Sauerei – wie man so schön sagt.
  • „Werde nicht erwachsen!“ ist das Gegenteil, zu sagen: „Ach du bist so klein und süss. Bleib so!“

Jürg: Oftmals bei den jüngstern Kindern.

Christin: Ja, genau.

  • „Schaff's nicht!“ Also: das kriegst du eh nicht hin, da bist du eh zu blöd. Das sind so Nebensätze vielleicht.
  • „Lass das!“ Also: „Lass die Finger von verschiedenen Dingen!“
  • „Sei nicht wichtig!“ Das habe ich gerade so gesagt, wenn ich mich nicht wichtig nehme und eher in den Hintergrund immer wieder stelle. Oder auch nicht traue, Fragen zu stellen.
  • „Sei nicht zugehörig!“ Also inwiefern gehöre ich zu einer Gruppe dazu. Oder inwiefern mache ich es mir auch immer wieder schwer, zu einer Gruppe dazu zu gehören.
  • „Sei nicht nah!“ Also wieviel Kontakt baue ich auf? Wieviel Nähe zeige ich? Was zeige ich auch von mir?
  • „Sei nicht gesund!“
  • „Denke nicht!“
  • „Fühle nicht!

Jürg: Ja.

Christin: Und wir stellen das gerne mit in den schriftlichen Teil unseres Podcasts mit rein.

Erlaubnisse

Christin: Und ich finde auch, man kann auch gleichzeitig damit arbeiten, ganz gut, die Erlaubnisse zu sehen. Und auch dann zu sehen, was resoniert da. Oder wo kriege ich da einen Draht dazu und zu sagen: oh, das tut mir besonders gut.

Jürg: Erlaubnisse lösen im Prinzip diese Einschärfungen auf – mindestens ein Stück weit.

Christin: Ja, genau.

Jürg: Die haben dann auch die Formulierung nicht „Sei nicht…!“ sondern „Du darfst …“

Christin: Ja, und das sind jetzt auch recht grosse, klare, sehr deutliche Erlaubnisse als Pendant zu den Einschärfungen. Und du kannst, lieber Hörer, liebe Hörerin, da selber auch mal nachhören: was leitet sich da für mich einen Satz draus ab, der da mehr so mein Satz ist.

Jürg: Christin, kennst du das Rad der Erlaubnisse?

Christin: Ne, sag mal!

Jürg: Das haben wir mal in unserer Ausbildungsgruppe gehabt. Ich fand das noch spannend. Das sind die Erlaubnisse – auch zwölf, passend zu den Einschärfungen – im Kreis angeordnet. Und das war so ein Arbeitsblatt – wir stellen das auch rein, bei uns im Internet – da kann man dann so grafisch mal schauen, wie stark habe ich diese Erlaubnisse bei mir schon integriert.

Christin: Mhm

Jürg: Und ich finde es spannend, weil – erstens – ist der Fokus auf Erlaubnis, also nicht auf der Einschärfung. Ich sehe dann aber auch, wo habe ich einen kleinen Anteil an dieser Erlaubnis integriert. Und da ist wahrscheinlich die Einschärfung noch besonders stark. Und ich kann dann schauen, wo hole ich mir die, wie gehe ich damit um.

Christin: Schön, ja.

Jürg: Stellen wir rein, in die Shownotes.

Christin: Genau, dann kann man da noch mal ganz gut damit arbeiten und üben, genau.

Das Rad der Erlaubnisse

Was die Entstehung von Einschärfungen begünstigt

Christin: Jetzt noch so ein Punkt, also gerade wo wir dabei waren: ich entscheide mich dafür und dagegen. Und da hängt es natürlich schon ein Stück weit von der Erwachsenen ab – bezüglich dieser Einschärfungen -, wie oft ein Kind die erlebt. Also wie oft erlebe ich, dass Eltern sich entsprechen so verhalten? Zu welchem Zeitpunkt? Also was ist da so ein herausragender Zeitpunkt oder eine herausragende Situation. Dann werde ich die natürlich viel stärker und deutlicher nochmal aufnehmen und daraus was ableiten, als wenn's irgend eine Kleinigkeit ist. Und eben entsprechend die Emotionalität des Erwachsenen auch.

Jürg: Ja.

Christin: Also wie stark emotional war der jeweilige Erwachsene in der Situation? Das sind einfach auch so diese Bedingungen, die das damit etwas verstärken, dass ich das aufnehmen kann.

Jürg: Ich glaube, gerade die Intensität der Emotionen des Erwachsenen, die haben wahrscheinlich eine starke Bedeutung, weil das Kind ja in dieser Phase vor allem über die Emotionen aufnimmt und empfänglich ist. Weil das noch nicht sprachlich läuft. Und das Kind möchte ja, dass es den Eltern gut geht. Und wenn dann da eben emotional etwas nicht stimmt, da versucht dann das Kind sich eben den Reim darauf zu machen – in seiner kindlichen Logik. Und so kann dann eben diese Einschärfung entstehen oder wachsen, wenn sie schon da ist.

Christin: Ja, ja.

Jürg: Welche dieser zwölf Einschärfungen kennst du am besten bei dir, Christin?

Christin: Also, ich glaube so dieses „Sei nicht du selbst!“ Da habe ich mir inzwischen sehr viel … erlaube ich mir sehr viel mehr, ich zu sein, Dinge auch auszuprobieren, mal auch anders zu sein. Und bei uns war schon auch so ein Thema diese „Sei kein Kind!“ Also nicht zu laut zu sein, bitteschön. Also das kenne ich und das finde ich sehr wichtig, dass Kinder spielen können, sich zeigen können. Natürlich gibt's Zeiten, in denen man sagt: „Guck mal, jetzt essen wir. Jetzt ist es gut, dass wir hier so gemeinsam essen.“ Oder ich möchte einfach auch, dass kein Essen aus dem Mund fällt oder so. Dann ist es aber verknüpft mit einer Diskusson, der Einsicht. Und dieses „Sei kein Kind!“ hat nochmal was viel Schärferes.

Jürg: Und es ist ja auch nicht ausgesprochen. In dem Sinn, wie wenn du eben am Tisch sagst, diese Regeln gelten.

Christin: Ja, genau.

Jürg: Es ist das Unausgesprochene, das eben mit den Emotionen vermittelt wird.

Christin: Und da fällt mir ein, nochmal vielleicht als Beispiel für unserer Hörer. So dieses wenn die Mutter, der Vater die Augen so verdreht. Also das kann man sich auch nochmal ganz live gut vorstellen. So dieses „Ah, nee, nicht schon wieder.“ Oder: „Nee, du schon wieder.“ Das wirkt viel stärker auch in dem sehr frühen Alter, ja.

Jürg: Ja, und was auch stark wirkt, ist, wenn Eltern oder Erwachsene allgemein miteinander über das Kind sprechen.

Christin: Ja.

Jürg: Später wenn es versteht, sowieso. Aber auch schon früher, wenn das Kind merkt, jetzt ist irgendetwas zwischen den Erwachsenen … läuft da was und das hat mit mir zu tun. Ich glaube, das hat auch eine starke Wirkung.

Christin: Ja, ja. Genau. So, es wird über mich gesprochen. Ja, bei dir?

Ein Beispiel für die Entstehung der Einschärfung „Sei nicht wichtig!“

Jürg: Bei mir ist … ich glaube, so meine Haupt-Einschärfung ist „Sei nicht wichtig!“, die ich da mitgenommen habe. Und ich kann es gut auch nachvollziehen, von meiner Geschichte her. Das finde ich auch noch spannend. Als ich geboren wurde, da haben meine Eltern ein Altersheim geleitet.

Christin: Mmmm, wow!

Jürg: Und das ist … das kannst du dir vorstellen, das ist nicht wie heute. Wir hatten keine eigene Wohnung, das war ein grosses Haus mit vielen Zimmern. Einen Teil davon haben wir als Familie belegt. Und im Zimmer nebenan war schon der erste Bewohner. Als das war wie eine grosse WG mit vielen ältern Leuten. Dann habe ich ältere Geschwister. Als ich geboren wurde, waren meine Geschwister 5, 10, 11 und 12 Jahre älter als ich. Und meine Eltern hatten einfach viel zu tun mit den Bewohnern. Die hatten nicht so viel Personal und haben sich da wirklich …

Christin: … viel selber gemacht, dann.

Jürg: Ja, viel selber gemacht, viel Energie investiert. Und wenn ich mir das so überlege aus Sicht der TA, da kann ich gut nachvollziehen, weshalb dieses „Sei nicht wichtig!“ bei mir auch entstanden ist. Weil ich eben der Kleine war. Da hats ältere Geschwister, die konnten schon mithelfen – mussten auch. Da bin ich noch drum herumgekommen. Es ist mir nicht schlecht gegangen, es war für mich sogar das Paradies. Es hatte immer Leute auch zum Spielen gehabt. Es gibt Fotos, wo man mich musizieren sieht mit einem Bewohner. Also wirklich schön, also eine schöne Kindheit. Aber ich war einfach einer von vielen. Also wenn ich da diese Bewohner auch noch zur Familie zähle – keine Ahnung wieviele es waren – da waren vielleicht 50 oder 60 Leute und ich war einer davon. Und das kann ich gut nachvollziehen, dass da etwas in mir entstanden ist oder dass ich mir da etwas zusammengereimt habe von „ich bin halt nicht so wichtig“.

Christin: Mhm, mhm

Jürg: Wir haben vorhin schon mal darüber gesprochen, auch zu schauen, was kann ich denn Positives rausnehmen. Wenn ich so bei mir das „Sei nicht wichtig!“ betrachte – ich glaube, ich habe das mittlerweile auch gut hingekriegt, mir die Erlaubnisse zu holen, auch wichtig zu sein oder sein zu dürfen. Ich bin da wirklich weiter gekommen. Und heute merke ich, ich habe dadurch auch die Möglichkeit – und das ist für mich auch eine Ressource -, mich eben auch mal zurückzunehmen. Und das ist für mich so ein Nutzen auch, wenn ich dieses „Sei nicht wichtig!“ – nicht die Einschärfungsseite betrachte, sondern das, was ich auch bei mir integriert habe in meine Persönlichkeit.

Zum Schluss…

Christin: Also, das sind jetzt glaube ich so zwei, drei gute Beispiele, die wir nochmal aufgegriffen haben, um zu zeigen, wo kommt es her. Oder auch, man kann – oder du liebe Hörerin, lieber Hörer, kannst es auch nochmal machen mit Fragen. Da bin ich jetzt auch wieder bei der Introvisionsfortbildung. Da war nochmal für mich wichtig, so Fragen wie:

  • Was ist für mich das Schwierige daran? Also, weshalb du etwas nicht tust. Und das wäre jetzt zum Beispiel zu sagen, dich in eine Gruppe einzubringen.
  • Was denkst du dann?
  • Was sind die Zusammenhänge, die da dran hängen? Oder auch die Frage: Was hängt für dich da dran?
  • Und dann nochmal tiefer zu gehen und zu fragen:
    Weshalb denkst du das?
  • Oder auch von der Befürchtungsseite her zu kommen:
    Was ist denn deine Befürchtung, was könnte schlimmstenfalls passieren? Also das ist, finde ich, häufig auch so ein Pendant von „Oh, wenn ich da zu aufdringlich bin, da können die anderen ja XY von mir denken.“ Oder: „Dann könnten die ja weggehen.“ Oder: „Dann könnten die ja lachen.“ Oder so. Da sind wir dann wirklich an dieser untersten Schicht, in der so dann sehr deutlich wird, was da so für eine Angst und Befürchtung dahinter steckt.

Jürg: Ja. Und diese Fragen, die listen wir auch noch auf – auf der Internetseite. Wenn du das jetzt mit irgendeiner App hörst, kannst du auf transaktionsanalyse.audio/044 – für Episode 44 – das auch noch nachlesen und diese Fragen auch nochmal anschauen, um das für dich zu beantworten und zu reflektieren.

Christin: Ja genau. Und nächstes Mal machen wir dann weiter mit dem Thema „Antreiber“. Also weiterhin das Thema Skript, wie gesagt. Und wir freuen uns jetzt auf Rückmeldungen, Fragen etc.

Jürg: Genau. Dann wünschen wir dir eine gute Zeit.

Christin: Bis zum näcshten Mal.

Jürg: Tschüss!

Christin: Tschüss!

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Annemarie - 3. November 2017

Toller hilfreicher Beitrag!

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